Offener Brief der AG als Protest gegen Parabiose-Experiment

Posted by Frank on Mar 18 2008 at 10:51 AM
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Offener Brief der AG als Protest gegen Parabiose-Experiment

An der Medizinischen Hochschule Hannover wurden Mäuse paarweise zusammengenäht. Sie mussten Schmerzen und Bewegungseinschränkung bei vollem Bewusstsein ertragen. Diejenigen, die diese Grausamkeiten begehen, behaupten deren Nutzen. Ob es diesen wirklich gibt, müssen sie nicht beweisen. Seit jeher sind der Medizin moralische Grenzen gesetzt. Wir meinen, dass solche Grausamkeiten hilflosen Lebewesen unter keinen Umständen zugefügt werden dürfen.

Der Brief:

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Hedrich,
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Haller,

mit Entsetzen haben wir durch die Pressemitteilung der Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche von den grausamen Parabiose-Experimenten Kenntnis genommen, die an Ihrer Hochschule mit Mäusen durchgeführt wurden.
Auch wenn der Antrag der verantwortlichen Forscher vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vorerst abgelehnt wurde, bleiben die genehmigten und bereits erfolgten Vorversuche unleugbarer Fakt. Ihr Resümee aus diesen Versuchen war, dass die Belastung für die Tiere nicht als besonders hoch einzustufen sei.

Bitte schicken Sie uns Ihre Aufzeichnungen zu Verhalten und Zustand der Tiere direkt nach dem Erwachen aus der Narkose und in den ersten Tagen. Wir möchten darüber ein Video sehen und, wenn Sie entgegen allem Protest aus der Bevölkerung tatsächlich weitere „Vorversuche“ unternehmen sollten, bei diesen zusehen, um uns ein eigenes Bild vom Leidensgrad der Tiere machen zu können. Wir halten es nämlich für möglich, dass Sie durch das regelmäßige Zufügen von Gewalt gefühllos geworden sind und Leiden nicht mehr wahrnehmen können, bzw. diese leugnen, um Ihr Vorhaben durchzusetzen. Übrigens stellt das verebbende Ankämpfen der Mäuse gegen ihre aussichtlose Situation, ein typisches Beispiel erlernter Hilflosigkeit dar. Das sollte man als  Tierexperimentator wissen, schließlich werden dazu seit Jahrzehnten massenhaft qualvollste Tierversuche durchgeführt.

Das zuständige Landesamt hat sich Ihrer Beurteilung des Leidensgrades der Tiere zum Glück vorerst nicht angeschlossen. Dass aber überhaupt derartige Experimente genehmigt und vorgenommen wurden und ein grundsätzliches Interesse von Forschern an solchen und ähnlich grausamen Versuchen besteht, ist ein Armutszeugnis für die Wissenschaft. 

Ihr Sprecher Stefan Zorn verwies gegenüber der Presse auf die Durchführung von Parabiose-Versuchen im Ausland. Wenn Behörden anderer Länder die Chance verpassen, fehlgeleitete wissenschaftliche Neugier, die zudem keinerlei Nutzenkontrolle unterliegt, in ihre Schranken zu weisen und den Missbrauch von Tieren in brutalen Versuchen dieser Art zu verhindern, so ist das kein Argument dafür, dies auch in Deutschland geschehen zu lassen.

Herr Zorn betonte außerdem das Fehlen von Alternativen zum Tierversuch in diesem Forschungszweig. Eine Alternative ist eine gleichwertige, zweite Möglichkeit, ein Ziel zu erreichen. Zu Tierversuchen, deren Ergebnisse noch niemals auf den Menschen übertragbar waren und es auch nie sein werden, benötigt die Wissenschaft keine Alternativen in diesem Sinne. Vielmehr muss sie Tierversuche abschaffen und endlich für den Menschen aussagekräftige Forschung durchführen, welche Krankheiten verhindert, und, wo das nicht gelingt, erfolgreich behandelt und heilt. Solche Methoden helfen Menschen wirklich und sie halten einer kritischen Prüfung unter ethischen Gesichtspunkten stand – im Gegensatz zu Tierversuchen.

Grundlagenforschung ist wichtig, Wissenszugewinn muss Selbstzweck sein dürfen, aber nicht um den Preis des Quälens von Lebewesen. Der Zweck darf nicht jedes Mittel heiligen. Forschung, die mit Selbstverständlichkeit Gewalt gegen Lebewesen ausübt, macht sich unglaubwürdig, schadet der Wissenschaft und widerspricht elementaren Grundsätzen von Humanität und Medizin. Nie würde unsere Gesellschaft zulassen, dass ein Mensch in einem Experiment wie dem Parabiose-Versuch gequält wird.

Die Grundlage unseres Zusammenlebens ist die Einsicht, dass die Freiheit des Individuums ihre Grenze an der Freiheit des Anderen findet. Es gibt kein Argument dafür, Tiere aus dieser Ethik auszuschließen. Das macht Tierversuche absolut untragbar. Keine Wissenschaft, die diese Wahrheit ignoriert, darf von sich behaupten, zum Wohle der Menschheit zu agieren, kein aufgeklärter Mensch kann einer solchen Wissenschaft vertrauen.

Inzwischen haben wir erfahren, dass Sie nun vorerst, statt der Parabiose-Versuche mit Mäusen, nicht nach tierversuchsfreien Verfahren suchen, sondern Versuche durchführen, die Sie selbst für noch grausamer halten. Das nehmen wir zum Anlass, um die genaue Versuchsbeschreibung sowohl der Parabiose- als auch der von Ihnen derzeit durchgeführten "Alternativversuche" zu ersuchen. 

Die von Ihnen durchgeführten Tierversuche finden in einer Demokratie statt und werden mit Steuergeldern bezahlt. Dann sollten wir Bürger und Steuerzahler auch erfahren, was im Einzelnen Sie mit Tieren tun. Handelt es sich bei den derzeit durchgeführten Versuchen ebenfalls um "Vorversuche"? Wie viele Versuche mit wie vielen einzelnen Individuen wurden bis jetzt im Zusammenhang mit den ursprünglich beantragten Parabiose-Versuchen durchgeführt? Wie viele Versuche mit wie vielen einzelnen Individuen wurden bis jetzt im Zusammenhang mit den sogenannten "Alternativmethoden" durchgeführt?

Wir fragen uns warum Sie und andere Tierexperimentatoren ihre Tierversuche nicht regelmäßig öffentlich bekannt machen. Schließlich hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf, zu erfahren, was mit Tieren in unserem Land geschieht. Wenn es nicht Organisationen wie die Ärzte gegen Tierversuche und andere Tierversuchskritiker gäbe, dann würde wohl niemals etwas über die Grausamkeiten, die deutsche Mediziner verüben, bekannt werden. Wenn Sie nichts zu verbergen haben, können Sie doch Interessierte bedenkenlos Filme von den Versuchen drehen lassen.

Wir fordern Sie hiermit auf, Tierexperimente zur Parabiose in jeder Form zu unterlassen – Grausamkeit in der Forschung ist niemals notwendig, sondern von vornherein abzulehnen und zu verhindern. Notwendig ist vielmehr, sich im Dienste einer humanen und modernen Wissenschaft für den Verzicht auf Tierversuche in allen Forschungsbereichen einzusetzen.
Vielen Dank.

Mit freundlichem Gruß,

die AG gegen Tierversuche
der Universität Bielefeld

i.A. Frauke Albersmeier

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